„Post Privacy“ vs. Datenschutz- ein Streitgespräch

 

Constanze Kurz & Julia Schramm, Foto von Martin Köster Photography

Constanze Kurz & Julia Schramm, Foto von Martin Köster Photography

Da waren wir schon gespannt auf die Datenschutz-Debatte auf dem  Politcamp 2011! Im Streitgespräch: Julia Schramm von der „Datenschutzkritischen Spackeria“ und Konstanze Kurz, Autorin des Buchs „Datenfresser“ und Sprecherin des Chaos Computer Club. Zwei Frauen, die in den letzten Monaten in der Diskussion um Datenschutz für Aufsehen gesorgt haben. Im folgenden Artikel findet ihr einen Audiomitschnitt und persönliche Eindrücke der Diskussion.
Diskussion PostPrivacy vs. Selbstdatenschutz by sicherdeinweb

Zum Hintergrund

Im Dezember 2010 hat Constanze Kurz in einer Diskussion beim Chaos Communication Congress einen Begriff geprägt: „Post Privacy Spackos“. Sie meinte die Leute, die behaupten; „Privatsphäre ist so was von Eighties.“ , also ein überkommenes Gedankenkonzept, das Spiegel Online in einem Interview mit Julia Schramm aufgriff.

Zur Diskussion:

Am Samstag, 04. Juni diskutierten Julia Schramm und Constanze Kurz über Privatsphäre im digitalen Zeitalter.

Mein persönliches Fazit der Datenschutz-Diskussion:

Constanze Kurz hat aus meiner Sicht die stringentere Argumentation. Sie ist die Pragmatikerin, die  handfeste und machbare Änderungsvorschläge wie den „Datenbrief“ macht. Sie kann über reale Erfahrungen mit Politikberatern und Innenminister Friedrich berichten. Ich fürchte aber, dass ihre Forderungen so radikal sind und  große wirtschaftliche Konsequenzen hätten, dass sie nicht umgesetzt werden.

Julia Schramm ist eher die Utopistin. Sie formuliert Wunschvorstellungen und widerspricht sich hin und wieder. Sie will keine Zensur von modernen technischen Möglichkeiten, zugleich aber will sie das genaue Gegenteil, nämlich Recht auf Analogität bei medizinischen Daten. Sie ist ein Freund von Datensammlungen, aber nur für wissenschaftliche transparente Zwecke. Ja, was denn jetzt bitte?

Die Diskussion hat deutlich gemacht, dass es noch viel Gesprächsbedarf rund um den (Selbst-) Datenschutz gibt. Einig waren sich die beiden Diskutantinnen darin, dass wir ein freies Internet brauchen und das die Entwicklung zu Datenmonopolisten im Internet wie Google und Facebook bedenklich ist.

Die wichtigsten Zitate im Überblick:

1. Datenschutz – worin sind sich Julia Schramm und Constanze Kurz einig?

Constanze Kurz & Julia Schramm, Foto von Martin Köster PhotographyConstanze Kurz & Julia Schramm, Foto von Martin Köster Photography


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    • Julia: „In der Analyse sind wir uns einig. In den Zielen auch. Der Weg dorthin sehen wir aber anders.“

     

     

     

     


Constanze:
„In der Transparenzfrage sind wir uns einig. Wenn die 5 Millionen Facebook-Nutzer wissen würden, dass sie auf einer Werbeplattform sind und nicht in einem sozialen Netzwerk, würde das schon viel weiterhelfen.“


2. Datenschutz- welche unterschiedlichen Positionen gibt es?

Julia

  • „Ich halte die aktuelle Vorstellung von Datenschutz für ein gefährliches Feigenblatt, weil man auch gerade bei Unternehmen eine Sicherheit vorgegaukelt bekommt, die nicht da ist.“
  • „Wir reden über ein freies Internet. Und ich will nicht, dass wir es durch Privatsphäre, Datenschutz das einschränken.“

Constanze:

  • „Ich halte nichts von Post Privacy. Ich glaube schon, dass der Konflikt zwischen uns deutlich sichtbar ist.“
  • „Wir haben wichtigeres zu tun und über Themen zu sprechen als das Geplänkel von ein paar wenigen, die – mit Verlaub- ziemlich abstruse Sachen bei Spiegel Online gesagt haben.“

3. Datenschutz und wirtschaftliche Macht

Julia

  • „Ich wünsche mir ein Recht auf Analogität zum Beispiel im medizinischen Bereich. Ich  will as Recht, dass meine Daten nicht digitalisiert werden.“

Constanze

  • „Aus meiner Sicht ist es vollkommen klar, es kann nur über eine Beschränkung der Geschäftspolitik gehen.“ (Gemeint ist die Nutzung privater Daten für wirtschaftliche Zwecke, das Geschäftsmodell von Facebook und zahlreich, ja fast allen Onlineunternehmen, Anm.d. Redaktion).
  • „Die Politik hat eine Heidenangst Geschäftsmodelle zu beschneiden. Die Dominanz der Wirtschaftverbände in Bezug auf die Gesetzgebung ist enorm.“
  • „Nur durch die Änderung des Verhaltens von den einzelnen Leuten wird sich entscheiden, welches Geschäftsmodell obsiegt.“
  • Man kann auch juristisch festlegen lassen, was ein Menschenprofil ist. Diese 7 oder 11 Merkmale, die ein soziales Profil ergeben, sollte man nicht erfassen dürfen.“
  • „Ich habe konkrete Datenschutz-Vorschläge gemacht. Der Datenbrief. Diejenigen die Daten von mir verarbeiten müssen mich informieren und nicht andersherum.“

Was bringt die Stiftung Datenschutz der Bundesregierung?

Constanze

  • „Die Idee von einer Stiftung Datenschutz hielt ich bisher immer für eine gute Idee. Wie bei einer Waschmaschine. Es gibt drei Präferenzen und dann wird verglichen. Was der Herr Innenminister wirklich will ist ein Audit Siegel, das aber überhaupt nicht weiterhelfen würde in punkto Transparenz.“

Den größten Applaus gab es dann am Ende. Die Zuhörer im Biergarten der Bonner Rheinaue hatten am Schluss der Diskussion ganze 1500 EUR „weggetrunken“ – auf Kosten der Organisatoren:)

Danke an das Orga-Team des Politcamp 2011. Die Anfahrt aus Frankfurt hat sich gelohnt! Die Barcamp-Sessions und die abendliche Diskussion haben mir die interessantesten Erkenntnisse des Tages gebracht.

Florian Borns

Zur Webseite des Politcamps: http://11.politcamp.org/
Twitter Hashtag: #pc11

Webseite von Constanze Kurz und ihrem Buch Datenfresser: http://datenfresser.info/

Webseite der datenschutzkritischen Spackeria: http://blog.spackeria.org/

RT @medienpaed: zwei neue Videos zum #pc11 : Jugendliche beim Politcamp http://ow.ly/5azwa und das Wochenende in Tweetshttp://ow.ly/5azww

 

 

 

 

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